Die Tyrannei der Tradition

Meetingsituation

Routinen haben viele positive Seiten. Sie geben unserem Leben Struktur und nehmen uns bestimmte Entscheidungen ab, wodurch wir Gehirnkapazität für andere wichtige Entscheidungen zur Verfügung haben.

So profitiere ich gesundheitlich davon, wenn ich mir angewöhne, morgens etwas Sport zu machen und ein Glas Wasser zu trinken. sind keine übermenschlichen Leistungen und doch an einigen Tagen schwer durchsetzbar — besonders dann, wenn ich die Routine habe schleifen lassen (weil ich krank oder in Zeitnot war und somit andere Prioritäten gesetzt habe).

Plötzlich wird aus der alltäglichen Selbstverständlichkeit eine Entscheidungsfrage: Soll ich wirklich? Lohnt sich das? Wäre es nicht besser, wenn …? Und ehe ich mich versehe, habe ich 20 Minuten darüber sinniert, ob ich meinen zehnminütigen Sport mache und sitze dabei immer noch im Bett, inzwischen allerdings schon genervt und verspannt — und genau dieser Anspannung möchte ich doch eigentlich mit dem Sport vorbeugen!

Kurz: Routinen helfen uns, sofern sie sinnvoll sind. Wir sollten sie daher regelmäßig prüfen. Vielleicht brauche ich meine morgendlichen Übungen nicht mehr machen, wenn ich sowieso jeden Tag laufen oder schwimmen gehe. Vielleicht macht mir das frühere Aufstehen im Winter so sehr zu schaffen, dass ich den ganzen restlichen Tag schlechte Laune habe. Dann sollte ich meine Routine evaluieren und anpassen.

Arbeitsroutinen und Traditionen

Vor einiger Zeit begleitete ich eine Mediation in einem mittelständischen Familienunternehmen. Zwischen zwei langjährigen Abteilungsleitern hatten sich über die letzten Monate die Konflikte stark zugespitzt. Trotz Vermittlungsversuchen seitens der Geschäftsführung war eine direkte Kommunikation kaum mehr möglich.

In unserer Mediation schilderte es sich ungefähr folgendermaßen (selbstverständlich anonymisiert):

Herr Schilling: „In unserem Dienstag-Meeting ist mir Herr Marx schon oft über den Mund gefahren. Als er allerdings auch noch sagte, ich würde wohl alles kommentieren müssen, da bin ich geplatzt!“
Herr Marx: „Herr Schilling hat mich angefahren wie von der Tarantel gestochen! Dabei wollte ich nur deutlich machen was alle denken, nämlich dass Herr Schilling offenbar nichts Substanzielles beizutragen hat und dann noch mal alles zusammenfasst. Das braucht doch niemand!“
Herr Schilling: „Mir ist wichtig, dass wir alle auf demselben Stand sind am Ende einer Diskussion. Ich muss die Infos immerhin an meine Leute weitergeben und will nicht wie ein Idiot dastehen! Sagen Sie’s mir: Wie soll ich’s denn anders machen?”
Herr Marx: „Das weiß ich nicht! Ich bin doch im selben Boot. Mein Gott, ich verabscheue diese Dienstag-Meetings. Jedes Mal gibt es Ärger und alle haben Angst, etwas Falsches zu sagen, weil niemand bloßgestellt werden will!“

Was hatte es mit diesem Meeting auf sich? Ich erfuhr folgendes:

  • Das Dienstag-Meeting gibt es seit mindestens 12 Jahren.
  • Das Ziel des Meetings … war den Beteiligten nicht klar.
  • Eine Agenda gab es nicht. Oder nicht mehr.
  • Eine explizite Moderation gab es nicht. Oder nicht mehr. (Offenbar, so die Klage der Abteilungsleiter, führte die Geschäftsführerin durch den Termin, hatte jedoch oft selbst eine starke Meinung zu den einzelnen Themen.)

Die Abteilungsleiter stellten fest, dass sie jeden Dienstag in einem Meeting zusammenkamen, dessen Sinn und Zweck ihnen nicht (mehr) klar war.

… weil wir es immer so gemacht haben.

Wir alle haben sicher schon die Erfahrung eines Meetings from hell gemacht: Wir wissen nicht, worum es geht und warum wir hier sind, die Zeit vergeht einfach nicht, Konflikte entstehen, niemand fühlt sich verantwortlich, am Ende ist weder etwas entschieden noch für andere nachgehalten.

Wenn wir Glück haben, entscheidet jemand (vielleicht wir selbst), dass es dieses Meeting in dieser Form nicht mehr braucht. Wenn wir Pech haben, wiederholt es sich. Wöchentlich.

Die Abteilungsleiter entschieden somit, die Routine zu hinterfragen und mit der Tradition zu brechen. Sie baten die Geschäftsführerin um eine Zielklärung (worum soll es hier gehen und warum kommen wir in genau dieser Runde zusammen?), eine Agenda und routierende Moderation.

Nachdem dies geklärt war, brauchte es nicht mehr viel. Herr Marx und Herr Schilling vereinbarten einige weitere Punkte für ihre weitere Zusammenarbeit, doch die Erleichterung über die zukünftige Organisation dieses Meetings, das offenbar für fast alle Beteiligten mit teilweise sprichwörtlichen Schmerzen verbunden war, war spürbar.

Hinterfrage und gestalte Routinen:

  • Welche früher sinnvolle Routine oder Tradition, die ich inzwischen nur noch zähneknirschend mache, kann ich ziehen lassen?
  • Welche liebgewonnene Gewohnheit oder von anderen übernommene Tradition schadet mir mehr als sie mir nützt?
  • Welche kleine Handlung, die mir oder anderen gut tut, könnte eine Routine werden — ohne ihren Charme zu verlieren?
  • Habe ich eine Routine um meine eigenen Routinen zu evaluieren?
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