Ich packe meinen Koffer …

Sitting on a suitcase

Mein Vater war kein großer Reisevorbereiter. Sicherlich konnte er für einige Tage einen Koffer packen, doch eine große Checkliste lag ihm fern. Stattdessen hatte er eine kurze Liste, die sich vielleicht als „Prinzipien“ übersetzen lässt.

Wenn mein Vater früher auf Reisen ging, hatte er — so die Erzählung — im Zweifelsfall nur ein paar Notwendigkeiten dabei: Eine Zahnbürste, eine saubere Unterhose, den Reisepass und Geld / sein Scheckbuch. Seine Devise war: Einige Dinge solltest Du selbst mitbringen, andere lassen sich besorgen — oder sie sind nicht so wichtig.

Ich fand das als Kind schlüssig und es entlastet mich auch heute noch, wenn ich mich beim Packen verrückt mache (wie viele Hosen brauche ich für eine Woche wandern? 3? 5? 7?): Hinsetzen, durchatmen, aufs Wesentliche konzentrieren:

Zahnbürste? Check.
Unterwäsche? Check.
Reiseunterlagen? Check.
Geld und EC-Karte? Check.

Alles andere lässt sich vermutlich besorgen — oder ist nicht so wichtig.

Meine Mutter hingegen — und diesen Wesenszug habe ich später auch mitbekommen — neigt eher zum „Overpacking“. Lieber noch eine Hose mehr, und vielleicht doch noch diese Schuhe… Sie ist glückliche Besitzerin und Nutzerin einer Kofferwaage.

Da ich meine Kindheit bei den Pfadfindern verbrachte, habe ich früh eine Kombination aus beidem gelernt (und lasse mich mitunter noch von beiden Richtungen verwirren): „konzentriere Dich auf das Nötigste, denn Du wirst es tragen müssen“ und „sei bereit“ — sei vorbereitet auf jede Wetterlage und jede mögliche Situation. Ideal sind dabei natürlich platzsparende Multifunktionstools.

Prinzipien fürs Leben?

Ich dachte kürzlich mal wieder an die Packdevise meines Vaters. Und ich fragte mich, ob sich diese Prinzipien aufs Leben übertragen ließen:

  1. Bringe das Wichtigste selbst mit (Deine besonderen Fähigkeiten, Deine Multifunktionsgabe).
  2. Beschwere Dich nicht unnötig: lasse Dinge los, die nicht mehr wichtig sind.
  3. Schaffe Dir Möglichkeiten: Lass Dir helfen, suche Dir und gebe anderen Unterstützung.

Übersetzt heißt das z. B. für mich:

  1. Mitbringen: Wenn ich irgendwohin fahre, versuche ich zumindest notdürftig vorher oder auf der Reise die Landessprache zu lernen. Ich lerne Sprachen (ob gesprochen oder als Kultur codiert) vergleichsweise schnell, daher ist das eine Fähigkeit, die ich mitbringe. Manchmal reicht es nur für einfache Phrasen, die ich auch bald darauf vergesse, manchmal bleibt eine dauerhafte (Lern-)Beziehung. Ich liebe es, eine Gegend, ihre Geschichten und ihre Kultur über Sprache und Sprachbilder zu erfahren.
  2. Loslassen: Ich lasse meine Schüchternheit los. Zumindest ein Stück: Um zu lernen, brauche ich Kontakt (das gilt für Sprachen natürlich im besonderen Maße). Und ich lasse — unbedingt — meinen Perfektionismus zuhause. Ich begreife mich als Lernende. Das ist mitunter demütigend und für das Ego eine große Herausforderung. Doch nur so kann ich Neues annehmen, mich Neuem öffnen.
  3. Möglichkeiten schaffen: Ich mache Fehler. Und ich freue mich, wenn sich jemand die Zeit nimmt, mir zu erklären, dass z. B. der hiesige Dialekt das „s“ verschluckt und nicht ganz so klingt, wie ich es mit Duolingo gelernt habe.

Und nun zu Dir …

  • Wo nimmst Du zu viel mit? Und warum?
  • Was wäre Deine Liste der Notwendigkeiten?
  • Was würde sie Dir ermöglichen?
  • Was ist Deine „Multifunktionsgabe“?
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